Liebe Bürgerinnen und Bürger,
Artikel 30 des Grundgesetzes, welches die Eigenständigkeit der Bundesländer in gewissen Fragen zulässt, bürgt eine große Chance, aber auch eine große Verantwortung für die jeweiligen Länder.
So hat z.B. das Bundesland die Hoheit, darüber zu bestimmen, wie die Bildungspolitik im jeweiligen Bundesland aussieht.
Bayern liegt im bundesinternen Pisatest seit Jahren immer unter den besten 2 aller Bundesländer. Aber global gesehen hat das zu bedeuten, dass man immer nur zu den besten der Mittelmäßigen gehört.
Längst schon haben Länder wie Finnland und Kanada Deutschland den Rang abgelaufen. Bei den letzten Pisa-Tests war Deutschland sogar nicht einmal mehr unter den besten 10 der Welt vertreten, abgehängt sogar von Ländern wie Taiwan und Slowenien.
Aber betrachten wir uns einmal das Bildungssystem der Spitzenreiter Finnland und Kanada.
In Finnland gehen die Schülerinnen und Schüler nach einer 1-2 jährigen Vorschule 9 Jahre gemeinsam auf eine Gesamtschule, wo alle Kinder gemeinsam und vor allem auch voneinander lernen können.
Erst nach Vollendung des 15. Lebensjahres gibt es dort eine Aufteilung in Gymnasium oder Berufsfachschule.
In Kanada das gleiche Bild. Im Alter von 4-5 Jahren gibt es dort die Möglichkeit, eine Vorschule zu besuchen. Dem schließt sich an der Besuch der sogenannten „primary school“ oder im französischen Teil Kanadas „écoles polyvalentes“ (Gesamtschule) an, wo die Schülerinnen und Schüler 12 Jahre lang gemeinsam hingehen und mit- und voneinander lernen können.
Erst danach bietet der Besuch einer High-School die Möglichkeit an einem „College“ zu studieren.
Was bemerkt man am Vergleich der beiden Spitzenreiter des Welt-Pisa-Testes?
Man sieht, dass die beiden Spitzenreiter eine Gemeinsamkeit haben: Sie haben beide jeweils eine Gesamtschule, wo die Schülerinnen und Schüler, nicht wie bei uns in Deutschland, nach der Grundschule in 3 Zweige aufgeteilt werden und somit die soziale und bildungspolitische Abgrenzung gefördert wird.
In den Ländern der Spitzenreiter haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, über einen langen Zeitraum gemeinsam miteinander und voneinander zu lernen. Und das Spitzenergebnis der jeweiligen Länder beweist: Dieses Gemeinschaftssystem in der Bildung benachteiligt mitnichten die „besseren“ Schüler. Im Gegenteil, die „besseren“ Schülerinnen und Schüler haben hier die Möglichkeit, aktiv den „Schwächeren“ zu helfen und auf den gleichen Bildungsstandard zu bringen. Und psychische Gutachten beweisen: es gibt keinen besseren Indikator für das Verständnis einer Sachlage, als den, dass man diese Anderen erklären kann.
Und einen anderen sozial- und gesellschaftspolitischen Vorteil haben diese Gemeinschaftsschulen ebenfalls:
Die Schülerinnen und Schüler werden nicht nach schon 4 Jahren von ihren FreundInnen getrennt und somit gerade die ersten sozialen Kontakte gekappt, das Konkurrenzdenken unter den Kindern wird nicht gestärkt, indem der eine „besser“ sein soll, weil er auf dem Gymnasium ist, als der andere der „nur“ auf der Hauptschule ist, und man entwickelt mit der Gesamtschule eine gleichmäßige Förderung über soziale Hintergründe hinweg. Es würde also wieder der Fall sein, dass auch Kinder von Einkommensschwächeren Familien die gleiche Möglichkeit haben zu studieren, wie Kinder aus Einkommensstärkeren Familien.
In Deutschland haben wir vereinzelt eine abgeschwächte Form der Gesamtschulen, die IGS (Integrierte Gesamtschule). Dort werden Kinder der jeweiligen Zweige gemeinsam unterrichtet und es besteht so ebenfalls die Möglichkeit das die Schülerinnen und Schüler von- und miteinander lernen können.
Nachteil: Im Gegensatz zu den finnischen und kanadischen Gesamtschulen, bestehen hier immer noch die üblichen Zweige und somit hat nicht jeder Schüler die Möglichkeit wie in Kanada oder Finnland den gleichen Schulabschluss zu machen.
In Bayern möchte die Landesregierung mit der Einführung der Mittelschule eine Entlastung der immer mittgliederschwächeren Hauptschulen. Dort soll mit einem höheren Anteil von Praxisbezug und Förderungen der Weg der Schülerinnen und Schüler für einen mittleren Bildungsabschluss freigemacht werden.
Für mich ist das eine perfide Täuschung der Bürgerinnen und Bürger und nichts anderes als ein neuer Begriff der Hauptschule in einem neuen „Mantel“.
Die sozial- und bildungspolitische Abgrenzung der Hauptschüler gegenüber den Realschülern und Gymnasiasten würde damit keineswegs behoben werden und die soziale Gerechtigkeit im Bildungssystem wäre damit mitnichten behoben.
Auch die Eltern, die sich mit dem Thema Mittelschule beschäftigen würden, würden sich von diesem billigen Täuschungsversuch der Landesregierung nicht täuschen lassen und ihre Kinder trotzdem nicht auf die Mittelschule schicken, sondern immer noch auf Realschule und Gymnasium. Damit wäre auch dem Mitgliederproblem nicht geholfen und die Mittelschule würde genauso aussterben wie die Hauptschule.
Eine ähnliche Meinung zur Umbenennung der Hauptschule besitzt auch der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Klaus Wenzel, der in einem Spiegelartikel Stellung dazu nimmt:
„Ach was, das ist kein Neuerfinden, sondern ein Etikettenschwindel. Die Regierung gaukelt verunsicherten Eltern vor, sie brächte mit der Mittelschule etwas Neues auf den Markt. Aber wo Mittelschule drauf steht, ist immer noch Hauptschule drin. […] Die CSU will den Eltern in Bayern weismachen, dass die Mittelschule diejenige der fünfziger und sechziger Jahre ist - die heutige Realschule. Aber das stimmt eben nicht. Der mittlere Abschluss der Mittelschule wird kein Realschulabschluss sein. Die Lobby dieser Schulform hat dafür gesorgt, dass sich Mittelschul- und Realschulabschluss weiter unterscheiden. Der Kultusminister gibt das auch offen zu: Wir nähern uns dem Realschulabschluss an, sagt er. Mehr nicht. […] Es gibt keinen substantiellen Unterschied. Ein paar Förderstunden mehr, das war's. Ach ja: Und das Türschild wird natürlich ausgewechselt. Aber das wird das Aussterben der Hauptschule nicht aufhalten können.“
Dort kann man sehen, das selbst Experten aus dem Bereich der Bildung das Modell der Landesregierung kritisieren und nicht für zukunftsorientiert, sondern im Gegenteil, für einen Rückschritt in die falsche Richtung halten.
Liebe Bürgerinnen und Bürger, die Bildung ist ein wichtiger Indikator, inwieweit und wie erfolgreich die Sozialpolitik, aber auch zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik in einem Land oder einem Staat betrieben wird. Für mich gehört die Bildung zu einer der wertvollsten Ressourcen, die wir in der Bundesrepublik Deutschland haben.
Denn mit der intelligenten Förderung der Bildung, könnten wir es schaffen die jetzigen Schülerinnen und Schüler, und damit die neuen (Fach-)Arbeitskräfte von morgen zu formen und damit auch Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung zu bekämpfen, gleichzeitig aber auch die Wirtschaft und das soziale Ressort zu stärken. Nur mit einer intelligenten Förderung und Umstrukturierung des deutschen Bildungssystems können wir es schaffen, das Deutschland Exportweltmeister bleibt, deutsche Arbeitskräfte weiterhin zu den gefragtesten auf dem Markt gehören und wir einen aktiven Beitrag zur Förderung von Integration auch ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger und gegen eine Ausgrenzung von sozial schwächeren Menschen zu leisten.
Die Initiative der Landesregierung geht für mich deshalb in die komplett falsche Richtung und zeigt wieder einmal fehlenden Reformwillen, halbherzige Bildungs- und Sozialpolitik und ein fehlender Blick für statistische Realitäten und zukunftsorientierte Maßnahmen.
Wir dürfen diese einmalige Chance, der Förderung, Umschichtung und damit Verbesserung, der wichtigsten Ressource Bildung nicht verschlafen, denn die Fehler die wir heute machen, werden sich in 10-20 Jahren am deutschen Arbeits- und Wirtschaftsmarkt rächen. Und wir müssen es gewährleisten können, dass kommende Generationen von Schülerinnen und Schüler die bestmögliche Art und Förderung ihrer Bildung bekommen, dass ist unsere sozialpolitische Pflicht als Politiker der Bundesrepublik Deutschland.
Lassen Sie uns diesen Schritt gehen und gemeinsam für ein gerechteres, besseres und nachweislich zukunftsorientierteres Bildungssystem streiten im Sinne der Zukunft unserer Kinder.
Ihr Steffen Fuhse
Ortsvereinsvorsitzender SPD Gessertshausen